Richtmikrofontechnologie in Hörgeräten

In einem unserer letzten Beiträge berichteten wir ihnen über das Herzstück vieler Hörsysteme, der Programmautomatik. Sie steuert adaptiv alle Parameter im Hörsystem. Der Hörgeräteträger braucht sich zu keiner Zeit mehr Gedanken über die richtige Einstellung zu machen. Eines der wichtigsten Bauteile stellt in diesem Zusammenhang die digitale Mehrmikrofontechnik dar.

Von der einseitigen zur beidseitigen Versorgung

Aber zunächst ein Blick in die Vergangenheit: Bis in die 1970er Jahre verfügten Hörgeräte über jeweils nur ein Mikrofon. Dieses nahm den Schall kugelförmig aus allen Richtungen auf. Zu dieser Zeit wurden in den meisten Fällen einseitige Hörsystemanpassungen durchgeführt. Das führte zu begrenzten Hörerfolgen, gerade an belebten Plätzen.

Im Laufe der Jahre kam die Erkenntnis, dass eine beidseitige Versorgung viele Vorteile bringt. Das räumliche Hören wird dadurch deutlich verbessert. Es blieb jedoch die Problematik mit den störenden Nebengeräuschen. Gesprächspartner waren oft schwierig aus dem Stimmengewirr und Hintergrundgeräuschen herauszuhören. Daraus resultierend brachten erste Hersteller Richtmikrofonlösungen auf den Markt. Diese zunächst noch mechanisch realisierten Systeme (Druckgradientenmikrofone) ermöglichten es dem Hörgeräteträger, die Geräte manuell umzuschalten. Die Schallaufnahme fand nicht mehr kugelförmig, sondern in Blickrichtung statt. Die Verstärkung von Umgebungsgeräuschen von der Seite oder von hinten nahm ab.

Digitalisierung revolutionierte den Hörgerätemarkt

In den späten 1990er Jahren revolutionierte sich durch die Einführung digitaler Verarbeitungsstrategien der Hörgerätemarkt. Innerhalb kürzester Zeit verschwanden die bis dahin üblichen analogen Hörgeräte vom Markt. Die Entwicklung der Hörsystem-Mikrofone nahm damit ebenfalls rasant an Fahrt auf.

Erste Verbesserungen ergaben sich durch die Entwicklung unterschiedlicher Richtcharakteristiken. Die Hörsysteme waren in der Lage, die dominanteste, bewegliche Störquelle im Hintergrund zu reduzieren. Technisch werden hierfür zwei oder mehr Kugelmikrofone benötigt. Die jeweiligen Richtwirkungen entstehen aus dem Zusammenspiel der Mikrofone. Der Hörsystem-Chip erzeugt Zeitunterschiede (Delay-Zeiten) in der Verarbeitung beider Mikrofone. Hierdurch entstehen unterschiedliche Richteinstellungen (siehe Grafik?). Digital kann das Hörgerät so bestimmen, in welche Richtung die größte Ausblendung stattfinden soll.

Mehrere Richtmikrofone gleichzeitig im Einsatz

Kurze Zeit später kamen erste Hörsysteme mit Programm-Automatik auf den Markt. Erstmals mussten Hörgeräteträger nicht mehr aktiv ins Geschehen eingreifen, um die Vorteile der Mehrmikrofontechnik zu genießen.

Nun ging die Entwicklung schnell. Im nächsten Schritt wurden die digitalen Parameter mehrkanalig. Es kamen gewissermaßen mehrere Richtmikrofone zeitgleich zum Einsatz. Unterschiedliche Frequenzbereiche konnten unterschiedlich verarbeitet werden. Somit war es möglich, mehrere Geräuschquellen zeitgleich zu minimieren. Heutzutage verfügen moderne Hörsysteme über bis zu mehr als 40 Kanäle. Dies entspricht einer Zahl von mehr als 40 parallel arbeitenden Richtcharakteristiken pro Ohr. Durch die oft übliche Funk-Verknüpfung beider Ohrseiten wird es zudem möglich, völlig neue Richtwirkungen zu erzeugen. Entweder vollautomatisch oder gezielt durch den Hörsystemträger über eine Smartphone-App. Der Richtkegel kann beispielsweise gezielt nach rechts oder links ausgesteuert werden.

Sprachsignale hervorheben und Nebengeräusche reduzieren

Andere Hörgerätehersteller lösen sich inzwischen von der „klassischen“ Richtwirkung der Mikrofone. Sie nutzen die Mehrmikrofontechnik in Verbindung mit einem großen Datenaustausch der Systeme, einer gezielten Störgeräuschreduktion und der Sprachanhebung. Ziel des neuen Ansatzes: Sprachsignale aus dem Stimmengewirr hervorheben und die Nebengeräusche abschwächen, ohne eine gezielte Richtung zu verstärken. Hierdurch bleibt der Hörgeräteträger aus allen Richtungen ansprechbar.

Ist der Sprecher einmal weiter entfernt, beispielsweise in einem Vortrag oder auf einer Party, können zudem externe Mikrofone eingesetzt werden. Diese kleinen Helfer werden mittels Bluetooth-Verbindung mit dem Hörsystem gekoppelt. Spricht der Redner in das Mikrofon, kann der Hörgeräteträger ihn über Distanzen von 10 bis 20 Metern entspannt über diese Funkverbindung hören.

Moderne Hörgeräte bei HÖRGERÄTE SEIFERT

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Autor: Dirk Herzog (Leiter der HÖRGERÄTE SEIFERT-Filiale in Traunstein)

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